Schritt 5

Schritt 5: Die Identifikation mit dem Körper beenden und den Körper durchlässig werden lassen

Als weiterer Punkt spielt der Körper eine wichtige Rolle. Der Körper ist eine Metapher.

Der Körper demonstriert dir, dass Du eine Größe von 1,80 m x 50 cm oder 1,60 x 40 cm hast, eine in Zentimetern messbare Größe. „Ich bin Hannes, 7 Jahre alt, habe braune Haare und einen älteren Bruder, der gemein zu mir ist.“

Das ist unsere Identifikation und diese Identifikation ist an den Körper gebunden. Ohne Körper gäbe es keinen Namen Hannes. Ohne Körper gäbe es keine braunen Haare. Als erstes entsteht, schon beim Säugling, das Körper-Ich, und die spätere schrittweise Herausbildung des Ich basiert auf der Identifikation
mit dem Körper. Genauso, wie man dem Tod begegnen muss, besteht die Aufgabe darin, diese Identifikation mit dem Körper loszulassen.

Wenn deine wahre Natur Bewusstsein ist, das nie verschwindet, Liebe ist, die keine Grenze hat, Freude ist, die vollkommen grundlos ist und deswegen auch kein Ende hat, dann musst Du etwas anderes sein als der Körper. Der Körper hat einen Anfang und ein Ende. Wenn Du alles bist, alles, wenn alles eins ist, musst Du alles sein. Wenn Du etwas anderes wärst als das Alles, dann wäre alles nicht eins. Dann gäbe es Zwei.

Du kannst nicht mit allem verbunden sein, weil, wenn Du mit allem verbunden wärst, dann hätte es vorher zwei gegeben. Aber es könnte nicht alles sein, wenn es vorher etwas anderes gegeben hätte, mit dem Du dich hättest verbinden können. Es gibt nur eins und dieses eins bist Du.

Aber wenn Du eins bist, dann kannst Du nicht dieser Körper sein. Und so gehört zu dem Tod dieses Ichs auch der Tod der Vorstellungen „Ich bin der Körper“.

Ramana hat 1886 im Alter von sechzehn Jahren eine wichtige Entdeckung gemacht, die für die Welt von unschätzbarem Wert ist. Er war keinerlei spiritueller Tradition gefolgt, hatte keinerlei spirituelle Praxis, nichts, er war einfach nur ein Schuljunge, der so gut wie die anderen in der Schule war und gut Fußball spielen konnte und sonst nichts. Und dieser Junge von sechzehn Jahren ist aufgewacht. Das alleine wäre noch nichts Besonderes. Bemerkenswert ist, dass dieser Junge den Prozess des Aufwachens so genau beobachtet hat. Er wusste nichts vom Aufwachen, aber was er merkte, war folgendes: Er bekam Angst
zu sterben, Angst zu sterben mit der inneren Gewissheit, jetzt sterben zu müssen. Ramana hat dann eine sehr wertvolle Entscheidung getroffen: „Wenn ich jetzt sterben muss, dann will ich genau mitbekommen, was da passiert. Dann will ich ganz genau erkennen, wer oder was stirbt.“ Er hat sich also auf den Boden gelegt und wahrgenommen, was jetzt passieren würde.

Mit dieser Entscheidung, sich absolut und hundertprozentig dem hinzugeben, was geschieht und zu erfahren, was geschieht, ohne dagegen anzukämpfen lässt Du alles los. Du gibst auf, über irgend etwas Zukünftiges nachzudenken, Du lässt alles los. Der Körper lässt los, der ganze Mensch lässt los und gibt sich diesem Nichts hin.

Dieser Prozess hat Ramana verwandelt. Das ist das Aufwachen. Dieser Prozess ist das Aufwachen. Dieser Prozess ist das Fallen in die Bodenlosigkeit, bei dem alle körperlichen Prozesse losgelassen werden. Es heißt, nichts mehr in der Hand zu haben, sondern dem Körper zu sagen: „Tu, was du willst und was du tun musst.“

Das Großartige daran ist, dass wir damit in gewisser Hinsicht zum ersten Mal einen wirklichen Bericht über das Aufwachen haben, der nicht, wie vorher immer, auf irgendwelche geheimnisvollen Rituale zurückgeführt werden konnte.

Wenn ein Mönch aufwacht, der vorher zehn Jahre meditiert und heilige Gesänge rezitiert hat, folgert er: „Ah, das Aufwachen ist die Folge dieser heiligen Gesänge.“ So dass sich in den Religionen immer diese Traditionen bildeten: Du musst so und so viele Mantras singen, Du musst so und so viele Koans lösen, Du musst dies und jenes praktizieren, genau 111.000 Niederwerfungen.

Statt dessen ist die Erfahrung des Aufwachens bei Ramana vollkommen klar gewesen, vollkommen auf das Wesentliche reduziert. Kein Lehrer in der neueren Geschichte hat so viele aufgewachte Schüler, von denen viele als Lehrer den Impuls des Aufwachens weiter trugen. Auch diese „Sieben Schritte“ wären ohne ihn nicht entstanden. Weil er den Prozess so genau beobachtet hat, war er in der Lage das weiterzugeben. Erst im Nachhinein hat er verschiedene Philosophien und religiöse Traditionen studiert. Sein Schüler Poonjaji war besonders wirkungsvoll und hat über westliche Schüler wie Gangaji und Eli Jaxon-Bear das Aufwachen in den Westen gebracht. (Siehe u.a.: H. W. L. Poonja: Wach auf, du bist frei. Kamphausen. 2002 Eli Jaxon-Bear: Lied der Freiheit. Lüchow. 1999 Gangaji: Ein Leben wie Du. Lüchow 2003)

Und so ist der Körper ein wichtiges Thema. Das Loslassen bedeutet auch, dass man dem Körper erlauben kann, loszulassen. Und das bedeutet in der Körperarbeit, das Nicht-Tun zu lernen. Ramana hat gegenüber dem Yoga und gegenüber der Körperarbeit immer wieder auf die Gefahr der zunehmenden Identifikation mit dem Körper hingewiesen. Als sinnvoll erachtete er – für den Anfänger – Atemübungen (Pranayama). Statt der Übungen würde alleine die Frage weiter helfen, wer es ist, der da übt, die Frage nach der eigenen Natur.

Also kommt es darauf an, eine Körperarbeit zu machen, die erstens die Identifikation mit dem Körper nicht verstärkt und die zweitens das Loslassen fördert, statt das Tun. Das macht sich zum Beispiel bemerkbar beim Loslassen des Atems, so dass der Atem dem Gefühl folgen kann.

Es gibt Grundkriterien, welche Art von Körperarbeit brauchbar ist und welche nicht. Auf der Körperebene findet nicht die entscheidende Veränderung statt. Die entscheidende Veränderung findet im Geist statt, in der inneren Haltung und der inneren Entscheidung. Das wiederum bestimmt die Körperarbeit.

Die spirituell fundierte Körperarbeit des 2003 verstorbenen Dr. phil. Leland Johnson, der gleichzeitig Schüler von Fritz Pearls (Gestalt-Therapie) und Swami Muktananda (ein erwachter Lehrer, der in den sechziger und siebziger Jahren in den USA wirkte) war, entspricht diesen Kriterien sehr gut. Ihm verdanke ich nicht nur das Erlernen dieser körpertherapeutischen Arbeit, sondern auch eine Haltung der Integration von östlicher und westlicher Weisheit.

Je weicher, entspannter, durchlässiger dein Körper ist, desto leichter bist Du in der Lage, alle Gefühle zu fühlen und gleichzeitig wahrzunehmen. So ist das Arbeiten daran, dass der Körper durchlässig, geschmeidig, anmutig, lebendig und energievoll wird, ein wichtiger Punkt, aber nicht der wichtigste. Für viele Menschen, gerade in der westlichen Welt, beginnt die Reise damit, dass sie die Lebendigkeit des Körpers wieder wahrnehmen und den Körper wieder spüren und auch wieder zu bewegen lernen.

Wie schon früher zitiert: „Zuerst musst du mit dem Leben eins werden. Dann wirst du mit Bewusstsein eins. Danach wirst du eins mit Glückseligkeit.“ (vgl: Ramana Maharshi: Die Suche nach dem Selbst. Ausgewählte Gespräche herausgegeben und eingeleitet von Lucy Cornelssen. Ansata Verlag Interlaken 1985)